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Die Krisen der Computergesellschaft – Baecker-Fragmente

Samstag, den 17. Juli 2010

Dirk Baecker im Gespräch mit Roger de Weck in der Sendung: Sternstunde Philosophie des Schweizer Fernsehens

Dirk Baecker geht von seiner These aus:

Jedes neue Verbreitungsmedium kann als Ueberforderung der vorherigen Gesellschaftsform betrachtet werden. Das heisst also, dass sich das neue Leitmedium zuerst einmal als Problem für die überlieferten sozialen Strukturen darstellt und von der Gesellschaft typischerweise abgelehnt wird. Dieses Muster wiederholt sich seit der Einführung der Schrift in der antiken Gesellschaft.

Beispielsweise stellte der Übergang der Schriftkultur zum Buchdruck ein Problem dar, weil man mit dem neuen Medium des Buchrucks viel mehr machen konnte als im alten Medium der Schrift. Und mit diesem “Überschusssinn” muss die (nächste) Gesellschaft fertig werden. in seinem Buch: “Studien zur nächsten Gesellschaft” zeigt Becker, welchen Herausforderungen sich die jeweilige Gesellschaft stellen musste und wie sie diesen Überschusssinn jeweils in die Schranken gewiesen hat:

Im Medium der Schrift kommunizieren auch Abwesende, das heisst Leute, deren Vorschläge und Forderungen man nicht durch den Verweis auf die Grenzen von Ritualgesellschaften kontrollieren kann. Im Medium des Buchdrucks wird die Möglichkeit des kritischen Vergleichs massenhaft verfügbar.

Baecker, 2007

Die antike Idee, dass alles seinen Platz und seinen Zweck hat, bändigte den Schriftsinn. Die moderne Idee, dass die Unruhe, der Zweifel, das prekäre Gleichgewicht eine bessere Verankerung für Selbstgewissheit liefern (Decartes’ cogito ergo sum, in dem das Denken vor allem ein Zweifeln ist) als jede Beschwörung der Substanz, des Wesens der Dinge, bändigt bis heute den Überschusssinn des Buchdrucks. Und die mathematische Idee einer Form (George Spencer-Brown),  die sowohl Anschlusssicherheit im Moment als auch mitlaufende Beobachtung des eigenen Nichtwissens gewährleistet, könnte geeignet sein, die Probleme der Einführung des Computers aufzufangen.

Roger de Weck: Ist surfen nicht das Wort für die Oberfläche bzw. für die Oberflächlichkeit?

Dirk Baecker: “Nein, überhaupt nicht, im Gegenteil: Surfen (wenn man das im kalifornischen Sinne wörtlich nimmt) ist ein extrem geduldiges, extrem leistungsbewusstes und anstrengendes Unterfangen, das mich auf eine ausserordentliche Art und Weise mit den unberechenbaren Strömungen eines Meeres in Verbindung bringt, das stundenlang die Chance anbietet, sich z. B. vor der Küste Kaliforniens in einer Community zu finden und sich Gedanken zu machen, was eigentlich auf dem Kontinent, auf dem Festland los ist.”

“Surfen ist die Position einer scharfen Beobachtung des eigenen Untergrundes, von dem man weiss, dass man nicht weiss, was sich unter einem abspielt und der Beobachtung, wo kommen wir eigentlich her und wie können wir unsere Erfahrungen, die wir hier draussen machen, in der Gesellschaft zum Tragen bringen? Es hat also nichts mit Oberflächlichkeit zu tun. Es hat eher etwas mit einer horizontalen Vertiefung zu tun und nicht unbedingt mit einer vertikalen.”

Der in der Aufklärung Verhaftete wird im Umgang mit neuen Medien die lange Aufmerksamkeitsspanne, den vertieften Umgang mit dem Text, das sogenannte “nahe Lesen” bemängeln, sagt Roger de Weck.

Dirk Bäcker: ” Wir werden diese Art von Lesen ergänzen müssen durch  ein schnelles, hüpfendes Zur-Kenntnis-nehmen von Weltsachverhalten, das eine neue Art von Aufmerksamkeit erfordern wird. Die neue Art von Konzentration besteht nicht mehr (nur) darin, in die Tiefe eines Textes einzusteigen (und unter uns gesagt, da ist eh wenig zu finden ausser den Problemen, die vielleicht ein Autor mal hatte, als er anfing dieses Buch zu schreiben).”

Müssen wir also nicht eher eine Form der Konzentration entwickeln, die (wie uns auch die Buddhisten lehren) eher etwas mit einer “schwebenden Konzentration” zu tun hat, wo ich mich also beim Lesen eines Textes oder Buches gleichzeitig immer wieder frage, was hat das, was ich hier lese mit der restlichen Welt, mit anderen möglichen Perspektiven zu tun? Wie lässt sich dies verorten?

Einladung zur Flüchtigkeit als auch zur gleichzeitigen Vertiefung!

Virtualität und Wirklichkeit – eine philosophische Betrachtung

Dienstag, den 6. April 2010

Vortrag von Prof. Dr. Frank Hartmann

Der Vortrag stammt aus dem Mediensymposion “Leben im Schwarm –Wie das Internet uns verändert” vom 15. März 2010.

Zitat aus dem folgenden Vortrag, (auch) als Antwort auf das “Klagelied” in Frank Schirrmachers Buch: Payback:

In der neuen Ontologie des elektronischen Zeitalters ist die Ordnung der Dinge in den Hintergrund und die Ordnung der Zeichen in den Vordergrund gerückt. Wir würden gut daran tun, eine neue Erkenntnistheorie zu entwickeln, die berücksichtigt, dass wir von der alten platonischen Anmassung befreit sind, welche die Kritik allen Scheins und dessen Rückführung auf ein wahres Sein verlangt.

Kulturpessimismus

Die zunehmende Entwicklung des Denkvermögens wäre ohne Auslagerung repetitiver geistiger Fähigkeiten, von der schon die neuzeitlichen Konstrukteure der Rechenmaschinen geträumt haben, gar nicht möglich (gewesen). Serres spottet über die „neuen und alten Klageweiber“, die mit der Medienentwicklung den Verlust der Mündlichkeit, des Gedächtnisses oder der begrifflichen Fähigkeiten beklagt haben und auch heute wieder beklagen: Sokrates, der die Schrift verteufelt, Sorbonne-Gelehrte, die ihr Latein nicht aufgeben wollen, heutige Professoren, die das Internet als Kulturverlust empfinden (was es ironischer- weise ja auch ist).

Aus: Frank Hartmann: Wissensgesellschaft und Medien des Wissens [PDF]

Elektrischer Reporter: Microblogging

Freitag, den 1. Mai 2009

Einmal mehr scheint das Abendland in Gefahr, diesmal bedroht von 140 barbarischen Buchstaben. Das Auftauchen neuartiger Informations- und Kommunikations-Geschmacksrichtungen führt bei KulturpessimistInnen zwangsläufig zur Stimulation ihrer Beissreflexe. Ein Automatismus mit langer Tradition.

Mario Sixtus, der elektrische Reporter