Kompetenzentwicklung mit Moodle und interactive Whiteboards?

Im Juni werde ich mit meinen Berufspädagogik-Studierenden der PH TG eine Exkursion u. a. auch zur Berufsschule Baden machen.

Soeben hat das Magazin Einstein des Schweizer Fernsehens einen kleinen Filmbericht gedreht, wie sich in dieser Berufsschule Lehrpersonen und Lernende mittels Moodle und interactive Whiteboards noch enger vernetzen:

Vor allem gefällt mir, dass es zusätzlich zu Moodle und interactive Whiteboards offenbar die Möglichkeit gibt, dass Studierende in sog. Lernateliers mehr oder weniger selbstgesteuert den Lernstoff “vertiefen” und individuell “repetieren” können. Dabei werden Sie von einem Lernbegleiter unterstützt.

Was für mich im Film zu wenig rüberkommt ist, wie z.B. die weiteren Potentiale, die Moodle (und auch weitere Web 2.0-Tools) bieten, konkret genutzt werden, wenn sie dann wirklich genutzt werden und Moodle nicht nur als Dateiablagesystem von Lernmaterialien und interactive Whiteboard-Ausdrucken verwendet wird.

Man sieht nämlich trotz Einsatz moderner Hilfsmittel immer noch vor allem die Lehrperson, die aktiv ist, d.h. vorne an der Tafel (oder jetzt eben am elektronischen Whiteboard) erklärt was Sache ist, während dem die Lernenden (mehr oder weniger passiv) hinten sitzen und der Dinge harren die da kommen.

Im neuesten Buch von Erpenbeck/Sauter: “Kompetenzentwicklung im Netz” wird auch im Hinblick auf die Herausforderungen in der Berufsbildung intensiv darauf hingewiesen, dass gerade Tools wie Wikis, Blogs, E-Portfolios, RSS, Social Bookmarking und weitere Social Software, die alle auch in Moodle enthalten sind bzw. in Moodle integriert werden können, ein immenses Potential besitzen, das dringend erforderliche Kompetenzlernen zu fördern. Dazu ist wichtig, dass man unter Kompetenzlernen nicht ein Lernen von Sach- und Fachwissen, Fertigkeiten und Qualifikationen versteht, wo die Lehrperson die Lernenden mit Wissensbröcken füttert bis zur Übersättigung, wo vieles davon wieder unverdaut ausgeschieden und einiges davon als Wissensspeck abgespeichert wird. Auf Vorrat, sozusagen (vgl. Erpenbeck/Sauter, 2007).

Vielmehr ist unter Kompetenzen und Kompetenzlernen folgendes zu verstehen:

Kompetenzen charakterisieren die Fähigkeiten von Menschen, sich in offenen und unüberschaubaren, komplexen und dynamischen Situationen selbstorganisiert (und mit Netzsensibilität (Anm. M. Woodtli)) zurechtzufinden. Solche Situationen nehmen angesichts der heutigen wirtschaftlichen, politischen und globalen Komplexität und Dynamik schnell zu.

Erpenbeck (2004)

Und wie lassen sich solche Kompetenzen in der Schule “vermitteln”? Sie lassen sich eben nicht “vermitteln”, wenigstens nicht in der traditionellen Art und Weise wie wir uns das von der Schule immer noch gewohnt sind. Dazu nochmals ein Zitat aus dem Resumee des oben erwähnten Buches von Erpenbeck/Sauter:

Wir verstehen Lernen nicht mehr als “schulisches Lernen” mit dem Ziel, möglichst viel Sach- und Fachwissen zu vermitteln, sondern als “Kompetenzentwicklung”.

Denn die Anforderungen an die Entwicklung von [zukünftigen] MitarbeiterInnen und Führungskräften haben sich fundamental verändert. Es genügt nicht mehr, Wissen zum richtigen Zeitpunkt – etwa in Klausuren, vielleicht ein bisschen umstrukturiert – wiederzugeben.

Erwartet werden vielmehr personale, aktivitätsbezogene, fachlich-methodische und sozial-kommunikative Kompetenzen. Um sie zu entwickeln, so unser Resümee, sind Lernprozesse erforderlich, die kaum mehr etwas mit der darbietenden oder fragend-entwicklenden Lehrmethode gemein haben.

Literatur

Erpenbeck, John/Sauter, Werner (2007): Kompetenzentwicklung im Netz. New Blended Learning mit Web 2.0. Köln: Öffnet einen externen Link in einem neuen FensterLuchterhand.

Links

Blogeintrag: Web 2.0 in der Berufsschule (IV)

Blogeintrag von CHRISP’S VIRTUAL COMMENTS: Netzsensibilität und verteilte Kognition

2 Reaktionen zu “Kompetenzentwicklung mit Moodle und interactive Whiteboards?”

  1. Thorsten S.

    Hallo,

    ich bin endlich mal dazu gekommen Euern Trackback von meiner Seite zu verfolgen. Ich stimme dem zu, dass heutzutage immer noch viel zu viel Frontalunterricht angeboten wird und das leider auch mit den “modernen” Möglichkeiten. Im Computerraum sollen am besten alle im Gleichschritt Befehle oder Zeilen eingeben. So funktioniert das aber nicht. Gerade Web 2.0 Werkzeuge bieten spannende Möglichkeiten…

    Im Artikel oben bin ich über die Definition von Kompetenz gestolpert. Es gibt zur Zeit keine einheitliche Definition von Kompetenz im Berufsbildungsbereich. Erpenbeck hat den Begriff Kompetenz so definiert: ” Unter Kompetenzen versteht man Dispositionen zur Selbstorganisation, also Selbstorganisationsdisposition” Erpenbeck/Sauter: Kompetenzentwicklung im Netz, 2007; S. 65 Im Handbuch für Kompetenzmessung Erpenbeck/Rosenstiel, 2. Aufl. 2007 S. 489 ist gleiches geschrieben: Kompetenzen sind Dispositionen zur Selbstorganisation menschlichen Handelns, das kreative Denkhandeln eingeschlossen; sie sind Selbstorganisationsdispositionen.
    Das soll heißen, dass Kompetenzen bezogen auf die Handlungsfähigkeit – kreatives Handeln in eine offene Zukunft hinein ermöglichen. Kompetenzen enthalten in ihrer “inneren Struktur” Wissen im engeren Sinne, wie Fähigkeiten und Qualifikationen. Bezogen auf die Prozesse des Lernens sind Kompetenzen entscheidend für die Handlungsausführung…

    Freundlich Grüßt

    Thorsten

  2. Christian Spannagel

    Bei dem Lernatelier am Ende des Films hatte ich den Eindruck, dass es nicht um “vertiefen” und “repetieren” geht, sondern tatsächlich um die selbstständige Bearbeitung von Aufgaben (vermutlich Modellier- und Programmieraufgaben o.ä., da es sich um eine Informatikklasse handelt). Aber dennoch: Mit Moodle hat das zunächst nix zu tun, die Arbeitsaufträge hätte man ja auch auf Papier ausgeben können. Spannend wäre hier zu erfahren, ob die Lösungen der Schüler in Moodle eingestellt und vielleicht sogar unter den Schülern dort diskutiert und evaluiert werden. Oder ob die Schüler jeweils Teilaspekte einer Aufgabe bearbeiten, die dann über Moodle zusammengeführt werden. Das wäre vielleicht ein erster Schritt in Richtung Netzsensibilität… :-)

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