Mit Twitter auf den Spuren des Dialogs
Gedanken zu den Potenzialen von Microblogging im Sinne
des “generativen” Dialogs (nach David Bohm)
Bezugnehmend auf den Kommentar von Martin Lindner zum
Blogeintrag: “Twitter-Tool für Schule & Unterricht:
Man schickt sich eben nicht “Botschaften” direkt, man “veröffentlicht” sie. Man stellt sie in die große Wolke über den Köpfen. Trivial-Haikus, sozusagen, oder auch Alltags-Mikro-News. Es bedeutet einen entscheidenden Schritt weg vom eigenen Ich.
… ist mir spontan wieder der Quantenphysiker David Bohm (1917 – 1992) und seine Arbeiten zum “generativen Dialog” (im Gegensatz zur Diskussion) in den Sinn gekommen. Sehr spannend fand ich, wie ich einiges von dem, was Bohm im Buch: “Das offene Gespräch am Ende der Diskussionen” beschreibt, mehr als 10 Jahre später in einer Twitter-Community (wenn auch nur ansatzweise) nachvollziehen konnte bzw. auch Potenziale sehe, diese Art Dialog auch in Online-Communities zu praktizieren.
Es lohnt sich also, das Thema “Twitter” auch aus der bohmschen Dialog-Perspektive zu reflektieren. Doch zuerst ein paar Gedanken zu Bohms Dialog-Verständnis:
Diskussion: hat dieselbe Wurzel wie “Perkussion” und “Konkussion” (Gehirnerschütterung), lateinisch von discutere = zerschlagen, zerteilen, zerlegen
Dialog: (griechisch von Dia = durch, Logos = Wort) für Bohm die Bedeutung eines “freien Sinnflusses, der unter uns, durch uns hindurch und zwischen uns fliesst”. Es geht also beim Dialog eher um Partizipation, um Teilhaben, sich beteiligen, miteinander denken.
Der Dialog (vor allem auch innerhalb einer Gruppe bzw. Community) ist wie eine Bühne zu betrachten, auf der kollektives Lernen stattfindet und wo ein Gefühl zunehmender Harmonie, Kollegialität und Kreativität entstehen kann.
Es geht also nicht um das Vertreten von Positionen oder das Verteidigen der eigenen Meinungen: “Es steckt eine Menge Gewalttätigkeit in den Meinungen, die wir verteidigen.” (Bohm, 1998)
Dialog nach Bohm hat etwas erkundendes, etwas erforschendes. Für das Führen eines Dialogs sollen deshalb auch keine strengen Regeln festgelegt werden, denn die Essenz des Dialogs ist Lernen – nicht als Resultat der Aufnahme von Informationen oder Doktrinen, die von einer Autorität festgelegt wurden, und auch nicht als Mittel, eine bestimmte Theorie oder ein Programm zu prüfen und zu kritisieren, sondern als Teil eines fortwährenden Prozesses von kreativem Miteinander unter Gleichgesinnten.
Diese Art von Dialog hat gemäss Bohm zusätzlich noch den Vorteil, dass eine gewisse Entschleunigung in der Kommunikation stattfinden kann, die uns die Möglichkeit gibt, Reaktionen (z.B. Gefühle, Vorannahmen) in-der Schwebe-zu-halten und so auch unsere Denkbewegungen (wie komme ich zu diesem Denken und was sind die Konsequenzen?) zu reflektieren. Diese Eigenwahrnehmung des Denkens nennt man auch Propriozeption. Das Denken sollte also fähig sein, seine eigene Bewegung wahrzunehmen. Nach Bohm sieht sich das Denken (leider) nicht als eine Bewegung. Es sieht sich als die Wahrheit, als etwas, das einfach da ist und uns die “Realität” zeigt, so wie sie ist. Das ist bei den anderen körperlichen Bewegungen nicht so: Wenn ich z. B. den Arm bewege, bin ich mir bewusst, dass ich diese Bewegung initiiert habe und nicht irgend jemand anders. Dem Denken fehlt in der Regel dieses Bewusstsein, es ist also nicht proporiozeptiv, aber hätte – gemäss Bohm – Propriozeption bitter nötig, um z. B. die diversen z.T. komplexen (auch globalen) Herausforderungen kreativer angehen zu können.

Quelle: www.flickr.com, Windspiel-für-48-Stunden-Neukölln-von-JAC&MEYLENSTEIN-13
Klangbeispiel: Quelle: http://www.toy-spectrum.de
Welche Grundhaltungen und Rahmenbedingungen sind nun in einem Dialog für Bohm hilfreich? Ich habe diejenigen bohmschen Maximen aufgelistet, wo ich Parallelen, Potenziale und Chancen sehe, den generativen Dialog gerade auch mit den Neuen Medien und mit Microblogging im besonderen zu praktizieren:
1. Die Grundhaltung ist die des Lernen-Wollens,
nicht die des Schon-Wissens.
2. Es braucht einen leeren Raum,
wo wir zulassen können, dass über alles geredet wird, wo es keine Autorität gibt, keine Hierarchie, keine feste Zielsetzung und keine Tagesordnung, also keine Vorschriften etwas tun zu müssen.
3. In-der-Schwebe-halten.
Es ist nicht so wichtig, ob man auf eine Aussage reagiert oder ihr zustimmt oder nicht. Sprechen (bzw. schreiben) ist natürlich wichtig, denn ohne Sprechen gäbe es im Dialog nichts zu erkunden, aber der eigentliche Prozess des Erkundens findet beim Zuhören – den andern und auch sich selber – statt.
Dieses In-der-Schwebe-halten (also nicht oder nicht sofort reagieren zu müssen) halte ich auch beim Twittern für einen wichtigen Aspekt. Es ist zudem mit einer 140-Zeichen-Begrenzung gar nicht möglich so zu argumentieren wie wir es uns in traditionellen Diskussionen (z.B. auch im Chat oder in Foren usw.) gewohnt sind. Es ist (um auf das obige Bild einzugehen) eher wie bei einem Windspiel: Ein Einhängen, ein Einstellen von Klangkörpern, wo sich evt. etwas Neues, ein Gesamtklang ergibt, falls die einzelnen Klangkörper mit andern in Berührung kommen. Es kann, muss aber nicht!
4. Partizipierendes Denken und das Unbegrenzte
Nach Bohm sind Begrenzungen relativ und dienen nur beschreibenden Zwecken. Es geht beim partizipierenden Denken um eine andere Art des Wahrnehmens, um das Gefühl, dass Grenzen nicht wirklich Trennungen sind. Zum Beispiel ist der individuelle Körper des Menschen wohl deutlich von anderen getrennt, wenn auch nicht gänzlich, da er mit Luft, Licht und Nahrung verschmilzt. Analog gilt das natürlich auch für unsere Gedanken, die auch ausserhalb unseres Körpers zirkulieren und mit anderen Ideen, Gedanken verschmelzen bzw. sich anreichern.
Eine weitere Bedeutung von partizipierendem Denken besteht darin, dass die Community eine Quelle ist, an der ich teilhabe und wo ich die Möglichkeit habe, einen Beitrag zu leisten, mich zu beteiligen. Bohm hebt auch hervor, dass man sich dazu nicht notwendigerweise persönlich kennen muss. Es geht eher darum, dass wir auf einer anderen Ebene eine Art Band schaffen, das er “unpersönliche Gemeinschaft” nennt.
5. Das eigene Denken beobachten (Propriezeption)
Bohm schreibt dazu:
Das Denken sollte fähig sein, seine eigene Bewegung wahrzunehmen, sich seiner eigenen Bewegung bewusst zu sein. Im Denkvorgang sollte es ein Bewusstsein dieser Bewegung geben, der Absicht zu denken und des Ergebnisses, das dieses Denken erzeugt. Wenn wir aufmerksamer werden, können wir dessen gewahr werden, wie das Denken ein Resultat ausserhalb unserer selbst erzeugt. Und dann wären wir vielleicht auch fähig, dem, was das Denken in uns selbst hervorruft, unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Vielleicht könnten wir sogar sofort bemerken, auf welche Weise das Denken die Wahrnehmung beeinflusst.
Microblogging ist asynchron und somit bietet es mir die Chance, mir genügend Zeit zu nehmen und zuzuhören, sowohl nach innen wie auch nach aussen. Es wäre sicher etwas allzu euphorisch zu sagen, dass wir mit Microblogging automatisch auf diese (propriozeptive) Reflexionsstufe kommen. Aber eine gute Uebungsanlage (für diejenigen, die das wollen) ist Microblogging allemal, nämlich das Innehalten und Beobachten zu üben und zu praktizieren, was im Face-to-Face-Kontext sicherlich eine noch grössere Herausforderung darstellt.
Tags: Bohm, Dialog, Microblogging, Twitter

Am 20. April 2009 um 08:58 Uhr
danke für die zusammenfassung.
das erinnert mich sehr an David Weinbergers überlegungen zu “The Web is A Conversation” – wobei das dort naturgemäß sehr viel direkter formuliert ist. In dem exzellenten Buch “Small Pieces Loosely Joined. A Unified Theory of the Web” und natürlich im ebenso wichtigen “Cluetrain Manifesto” (im Web, einfach googeln).
(Weinberger ist selbst studierter philosoph, wissensmanagement-consultant in Harvard, war aber auch mal gag-schreiber für den Woody Allen-Cartoon, den man in den 1980er auch in D. in irgendeiner zeitschrift lesen konnte – im Gong?)
Am 21. April 2009 um 18:48 Uhr
Ein interessanter Beitrag, der mich an einen Artikel erinnert, den ich letzte Woche gelesen habe (leider weiss ich nicht mehr welche Zeitung). Dort ist ein Journalist dank Twitter innerhalb weniger Tage einmal um die Welt gereist – und das völlig kostenlos. Er hat sich durch „Twittern“ mitgeteilt und seine Position durchgegeben, worauf Mitglieder der Community reagieren konnten und ihm Schlafplätze angeboten und/oder ihm die Weiterreise ermöglicht und finanziert haben. Das kann man wohl, wie du geschrieben hast, als einen „fortwährenden Prozess von kreativem Miteinander“ beschreiben – und natürlich auch als „partizipierendes Denken“ nach Bohm. Auch das „In-der-Schwebe-halten“ trifft auf dieses Beispiel wohl zu, denn die Route des Journalisten hing völlig von den Angeboten ab, die er von anderen „Twitterern“ erhalten hat, war also nicht festgelegt und der Reisende wusste nie wohin es ihn auf welchem Weg als nächstes verschlägt…
Am 26. April 2009 um 20:07 Uhr
Vor Kurzem habe ich mit ein paar Freunden über Twittern in der Politik gesprochen http://pressetext.ch/news/090211023/deutscher-bundestag-zehn-prozent-nutzen-twitter/. Auch die Kirche will nicht hinten anstehen http://explore.twitter.com/kathch
Auf dem diesjährigen Kirchentag, vom 20. bis 24. Mai in Bremen, will das Team von evangelisch.de es schaffen, die gesamte Bibel zusammenzufassen und zu twittern. Alle sollen mithelfen und die einzelnen Kapitel jeweils auf 140 Zeichen komprimiert per Twitter, Onlineformular und SMS in die Welt senden. Am Ende steht dann eine komprimierte Bibel. Zusammengefasst von vielen.
Tatsächlich verändert sich unsere Kultur in verschiedenen (wenn nicht sogar in allen) Bereichen mit einem rasanten Tempo. Ob die Informationsflut wirklich an die potentiellen Adressaten kommt und wieviel davon genau gelesen, aufgenommen, reflektiert wird, ist ein anderes Thema.
Wichtig ist für mich, dass ein echtes Dialog, das Miteinanderreden, in die Tiefe gehen, nicht verlorengeht, weil wir die Zeit dazu nicht haben werden, weil wir uns mit der Informationenflut und dessen Analysieren zu stark beschäftigen:)
Herzliche Grüsse Ewa