“Vom Sofa aus gibt es keine Revolution” – wirklich nicht?
Dienstag, den 10. April 2012Vom Sofa aus gibt es keine Revolution – wie viel politische Macht haben Twitter und Facebook?
So lautet der Titel von Martin Helgs Artikel in der NZZ am Sonntag vom 4. April 2012.
We are the true ‘small pieces’ of the Web, and we are loosely joining ourselves in ways that we’re still inventing.
[David Weinberger (2002), Small Pieces Loosely Joined. A Unified Theory of the Web, New York]
Oder um mit Clay Shirkey zu sprechen:
Für ihn lassen sich immer dieselben Reaktionsmuster beobachten: Wann immer eine grundlegende Veränderung etablierte Muster in Frage stellt, reagiert die Menschheit (und dazu gehören auch einige Print-Journalisten) darauf, indem sie das Bestehende zur Norm erhebt, zum „wahren“ Kern der Sache. Das Neue und Unbekannte wird zuerst einmal als unecht, „unwirksam“, „Narkotikum“ usw. dargestellt.
Es geht mir hier weder um Medien- bzw. Technikeuphorie noch um Kulturpessimismus, sondern einmal mehr um die Art und Weise wie schnell aus der Perspektive der Vergangenheit, der Perspektive des Bekannten geurteilt wird.
War denn der „wahre“ politische Protest auf der Strasse und ohne Internet tatsächlich besser?
Im Fall Guttenberg beispielsweise entschieden die NutzerInnen sozialer Medien über seine Karriere, nachdem in kooperativer Fronarbeit auf dem GuttenplagWiki (vom Sofa aus?) mehr als 1200 Plagiatsfragemente zusammengetragen und veröffentlicht wurden. Die Mehrheit der InternetnutzerInnen war für einen Rücktritt, ein hoher Anteil der NutzerInnen klassischer Medien jedoch war gegen einen Rücktritt.
Es macht sicherlich Sinn, die Bedeutung sozialer Medien für das Gelingen von Revolutionen und Reformbewegungen nicht zu überschätzen. Soziale Medien (alleine) führen nicht zwangsläufig zur Emanzipation. Sie können aber als Katalysatoren wirken und z.B. Machtverhältnisse sichtbar(er) machen. Macht jedoch so verstanden wie sie z.B. Foucault definiert: Netzwerkartig und dynamisch zwischen allen gesellschaftlichen Akteuren und nicht bloss einseitig z.B. von Herrschaftsregierungen ausgehend. Wenn man Macht also auch so versteht, als Wechselwirkung zwischen den Akteuren (bestehend aus Menschen, Objekten, Denk- und Verhaltensmustern, Techniken usw.) in allen sozialen Ordnungen und Gesellschaftsstrukturen, so wirken soziale Medien durchaus auf dieses Machtgefüge ein, da sie ein konstituierendes Element dieser “Mikrophysik der Macht” (Foucault) sind. Das was als (klassische) Revolution bezeichnet wird, ist möglicherweise nur noch die letzte Episode eines schon lange andauernden (revolutionären) Aufschaukelungsprozesses.
Zudem können soziale Medien bei gewissen gesellschaftlichen Schlüsselsituationen Träger einer Gegenöffentlichkeit werden. Hier können sie dann als Werkzeug der Emanzipation dienen, das in starre hierarchische Herrschaftsregime eingreift und diese demokratisieren kann.
Man wird also vorerst nicht abschliessend beurteilen können, ob das soziale Engagement in Netzwerken tatsächlich so wertlos ist wie einige NetzkritikerInnen behaupten, denn schliesslich beobachten wir das meiste gerade erst in seinem Entstehen. Zudem könnten die momentanen rasanten Umwälzungen auch als Chance genutzt werden, bestehende, vergangenheitsorientierte Denkmuster zu hinterfragen und z.B. im Sinne von Otto Scharmers Theorie U sich in der Kunst des „Presencing“ (vgl. auch Heidegger: “Potentiale erspüren”) zu üben, was heissen würde, das Denken (wenigstens hie und da) umzuwenden: Weg vom Urteilen hin zum Erkunden. „Die Wahrnehmung aus dem Gefängnis der Vergangenheit zu befreien und sie aus der Zukunft operieren lassen” (Scharmer 2009). Das würde jedoch bedingen, den eigenen „Slacktivism“ zu überwinden und in die Bewegung zu kommen, vor allem in die geistige.