Digitale Revolution im hintersten Krachen
Via Scoop.it – Bildung im neuen Medium
Eine sehr schöne Geschichte, wie äussere Umstände wie Naturgewalten und gesellschaftlicher Wandel die Lernkultur beiinflussen und somit auch die Integration von ICT in den Schulunterricht ganz selbstverständlich werden.
Guttannen (BE) trotzt mit modernsten Mitteln sinkenden Schülerzahlen und Naturgewalten
Beginnt hier die digitale Revolution im Schulzimmer? Ausgerechnet hier, in einem Dorf im hintersten Berner Oberländer Krachen? Die Strasse, die sich den Weg in Richtung Grimselpass zuerst in Haarnadelkurven windet und dann durch Galerien führt, ist frisch asphaltiert und der Schnee geräumt. Am Wegrand ragen orange Pfosten wie Antennen aus dem meterhohen Schneewall. Es ist kalt wie überall in der Schweiz, minus 15 Grad Aussentemperatur, es schneit etwas, ab und zu drückt die Sonne durch die Wolkendecke. Die Windstille macht die Kälte erträglich. Auf der Fahrt von Meiringen nach Guttannen kreuzt man spätestens ab Innertkirchen nur noch ausnahmsweise Fahrzeuge. Wenn dann doch ein Subaru talwärts die Kurve gefährlich schneidet, entschuldigt sich der Fahrer per Handzeichen. Selbst Mobility-Fahrer werden hier so freundlich gegrüsst wie Einheimische.
Hier müssen die Menschen eben noch zusammenhalten, folgert der Städter in romantischer Anwandlung. Er denkt dabei an all die Bergstürze, Überflutungen und Lawinenniedergänge, die Guttannen in der Vergangenheit ereilten und über die in den Medien landauf, landab immer wieder berichtet wurde. 1999 etwa war das Dorf eingeschneit. Drei Wochen lang ging gar nichts mehr auf der Passstrasse. Post und Lebensmittel brachte der Helikopter. Im 2005 rollte eine Schlammlawine durchs Dorf. Vier Jahre später folgte der Felssturz am Ritzlihorn oberhalb Guttannen, 2010 lösten sich an derselben Stelle über 150 000 Kubikmeter Erd- und Geröllmassen, die auf dem Weg ins Tal Strassen und Galerien beschädigten und nebenbei noch eine internationale Erdgasleitung freilegten. Kampf gegen Abwanderung Genau dieses Katastrophen-Image geht den Guttannern gehörig auf die Nerven. «Die Medien kommen erst dann, wenn es einen Felssturz gibt oder wenn wir eingeschneit sind», beschwert sich die «Bären»-Wirtin. Dann hocke der per Helikopter eingeflogene Reporter des Schweizer Fernsehens in der Gaststube und warte darauf, dass irgendein Guttanner sich direkt in sein Mikrofon über die Unerbittlichkeit der Natur beschwere oder – noch besser sogar! – seinen Umzug ins Unterland bekanntgebe. Doch darauf kann er lange warten. Denn die Guttanner schätzen die Lebensqualität hier oben: Eine intakte Natur, saubere Luft und vor allem viel, viel, viel Ruhe gibt es hier. Zwar bereiten die Abwanderungstendenzen, mit denen viele Berggemeinden zu kämpfen haben, auch den Guttannern Bauchschmerzen. Verschlimmert hat sich die Situation, seit die Angestellten der Grimsel-Wasserkraftwerke KWO von der Vorschrift entbunden wurden, in der unmittelbaren Umgebung ihres Arbeitsortes zu wohnen. Allen voran die Dorfschule bekam dies zu spüren. Seit Jahren schwinden die Schülerzahlen von Guttannen – Klassen müssen zusammengelegt werden, Schulzimmer stehen leer. Drei Schulhäuser gibt es eigentlich in Guttannen. Doch heute würde die Handvoll Kinder – knapp dreissig vom Kindergarten bis zur sechsten Klasse sind es – in eine Wohnstube passen.
Wer die Schule gleich beim Dorfeingang besucht, bekommt nicht sofort Kinder zu Gesicht. Ein Mädchen kauert alleine im Schnee, ein Knabe sitzt schmollend auf einer Bank vor der Turnhalle. Die doofen Modi haben ihn geärgert. Später gibt es einen Spielnachmittag mit den älteren Bewohnern des Dorfes, danach leitet Urs Zuberbühler, der zusammen mit seiner Frau an der Schule unterrichtet, die IT-Stunde – ein Wahlfach, für das sich fast alle Kinder eingeschrieben haben. Zuberbühler empfängt den Besuch im Lehrerzimmer des Neubaus. Lehrer Zuberbühler blickt aus dem Fenster auf den Pausenhof, wo die Schneemassen aussehen wie eine gigantische Meringue. Ein Dorf braucht eine Schule, sonst verliert es ganz an Attraktivität, sagt er. In der Nachbargemeinde Gadmen ist es beinahe so weit – der dortigen Schule droht die Schliessung. Schneeballschlacht per Skype Man müsste mehr Familien davon überzeugen, nach Guttannen zu ziehen, sagt Zuberbühler, der selbst in der Zürcher Agglomeration aufgewachsen ist. Dabei sei Guttannen der perfekte Ort, um Kinder grosszuziehen. Denn es gebe hier alles, was man zum Leben und Arbeiten brauche, sagt Zuberbühler. Vor allem: Anschluss ans Internet. Das Dorf ist – im Gegensatz etwa zur Nachbargemeinde Gadmen – ans Glasfasernetz angeschlossen. Klar, sagt Zuberbühler, die Natur hier oben könne einem übel mitspielen. Die Kinder aus den abgelegenen Weilern könnten tagelang nicht in die Schule, wenn das Dorf eingeschneit und die Passstrasse zu sei. Aber im digitalen Zeitalter lasse sich auch diese Hürde überwinden. Zuberbühler hat seine Schüler mit Netbooks ausgerüstet. So konnte er die «Ausgeschneiten» im Januar per Skype unterrichten. Auf diese Weise verpassten die Schüler keinen Unterrichtsstoff. Per Videoübertragung half Zuberbühler zum Beispiel bei Mathe-Aufgaben. Und in der Pause stellte er sein Netbook ans Fenster, so dass die Daheimgebliebenen bei der Schneeballschlacht ihrer Kameraden zuschauen konnten. «Video-Teaching» heisst die Vision von Zuberbühler. Sein Traum: Aus dem Schulzimmer nebenan eine Englisch-Stunde zu halten, verbunden mit einer Klasse aus New York. Noch ist das Ganze mehr eine Notlösung. Das Bild ruckelt arg, es gibt Verzögerungen in der Übertragung. Doch das soll bald anders werden. Zusammen mit der Swisscom und der Pädagogischen Hochschule Bern plant Zuberbühler das «Klassenzimmer der Zukunft» (siehe Kasten). Mit modernsten Konferenzschaltungen sei auf diese Weise ab dem kommenden Sommer erster Live-Unterricht möglich. Nebenbei kann so die Schule der Nachbargemeinde Gadmen gerettet werden – per Video-Teaching soll sie virtuell mit der Schule Guttannen verbunden werden.
Ein Dorf also im hintersten Krachen? Geografisch gesehen, ja. Doch technologisch wird es bald einmal an den Schulgemeinden des Unterlands vorbei ins digitale Zeitalter ziehen.
Quelle: NZZ am Sonntag, Katharina Bracher, Guttannen http://netbookprojekt.blogspot.com/