Die Krisen der Computergesellschaft – Baecker-Fragmente

17. Juli 2010

Dirk Baecker im Gespräch mit Roger de Weck in der Sendung: Sternstunde Philosophie des Schweizer Fernsehens

Dirk Baecker geht von seiner These aus:

Jedes neue Verbreitungsmedium kann als Ueberforderung der vorherigen Gesellschaftsform betrachtet werden. Das heisst also, dass sich das neue Leitmedium zuerst einmal als Problem für die überlieferten sozialen Strukturen darstellt und von der Gesellschaft typischerweise abgelehnt wird. Dieses Muster wiederholt sich seit der Einführung der Schrift in der antiken Gesellschaft.

Beispielsweise stellte der Übergang der Schriftkultur zum Buchdruck ein Problem dar, weil man mit dem neuen Medium des Buchrucks viel mehr machen konnte als im alten Medium der Schrift. Und mit diesem “Überschusssinn” muss die (nächste) Gesellschaft fertig werden. in seinem Buch: “Studien zur nächsten Gesellschaft” zeigt Becker, welchen Herausforderungen sich die jeweilige Gesellschaft stellen musste und wie sie diesen Überschusssinn jeweils in die Schranken gewiesen hat:

Im Medium der Schrift kommunizieren auch Abwesende, das heisst Leute, deren Vorschläge und Forderungen man nicht durch den Verweis auf die Grenzen von Ritualgesellschaften kontrollieren kann. Im Medium des Buchdrucks wird die Möglichkeit des kritischen Vergleichs massenhaft verfügbar.

Baecker, 2007

Die antike Idee, dass alles seinen Platz und seinen Zweck hat, bändigte den Schriftsinn. Die moderne Idee, dass die Unruhe, der Zweifel, das prekäre Gleichgewicht eine bessere Verankerung für Selbstgewissheit liefern (Decartes’ cogito ergo sum, in dem das Denken vor allem ein Zweifeln ist) als jede Beschwörung der Substanz, des Wesens der Dinge, bändigt bis heute den Überschusssinn des Buchdrucks. Und die mathematische Idee einer Form (George Spencer-Brown),  die sowohl Anschlusssicherheit im Moment als auch mitlaufende Beobachtung des eigenen Nichtwissens gewährleistet, könnte geeignet sein, die Probleme der Einführung des Computers aufzufangen.

Roger de Weck: Ist surfen nicht das Wort für die Oberfläche bzw. für die Oberflächlichkeit?

Dirk Baecker: “Nein, überhaupt nicht, im Gegenteil: Surfen (wenn man das im kalifornischen Sinne wörtlich nimmt) ist ein extrem geduldiges, extrem leistungsbewusstes und anstrengendes Unterfangen, das mich auf eine ausserordentliche Art und Weise mit den unberechenbaren Strömungen eines Meeres in Verbindung bringt, das stundenlang die Chance anbietet, sich z. B. vor der Küste Kaliforniens in einer Community zu finden und sich Gedanken zu machen, was eigentlich auf dem Kontinent, auf dem Festland los ist.”

“Surfen ist die Position einer scharfen Beobachtung des eigenen Untergrundes, von dem man weiss, dass man nicht weiss, was sich unter einem abspielt und der Beobachtung, wo kommen wir eigentlich her und wie können wir unsere Erfahrungen, die wir hier draussen machen, in der Gesellschaft zum Tragen bringen? Es hat also nichts mit Oberflächlichkeit zu tun. Es hat eher etwas mit einer horizontalen Vertiefung zu tun und nicht unbedingt mit einer vertikalen.”

Der in der Aufklärung Verhaftete wird im Umgang mit neuen Medien die lange Aufmerksamkeitsspanne, den vertieften Umgang mit dem Text, das sogenannte “nahe Lesen” bemängeln, sagt Roger de Weck.

Dirk Bäcker: ” Wir werden diese Art von Lesen ergänzen müssen durch  ein schnelles, hüpfendes Zur-Kenntnis-nehmen von Weltsachverhalten, das eine neue Art von Aufmerksamkeit erfordern wird. Die neue Art von Konzentration besteht nicht mehr (nur) darin, in die Tiefe eines Textes einzusteigen (und unter uns gesagt, da ist eh wenig zu finden ausser den Problemen, die vielleicht ein Autor mal hatte, als er anfing dieses Buch zu schreiben).”

Müssen wir also nicht eher eine Form der Konzentration entwickeln, die (wie uns auch die Buddhisten lehren) eher etwas mit einer “schwebenden Konzentration” zu tun hat, wo ich mich also beim Lesen eines Textes oder Buches gleichzeitig immer wieder frage, was hat das, was ich hier lese mit der restlichen Welt, mit anderen möglichen Perspektiven zu tun? Wie lässt sich dies verorten?

Einladung zur Flüchtigkeit als auch zur gleichzeitigen Vertiefung!

Virtualität und Wirklichkeit – eine philosophische Betrachtung

6. April 2010

Vortrag von Prof. Dr. Frank Hartmann

Der Vortrag stammt aus dem Mediensymposion “Leben im Schwarm –Wie das Internet uns verändert” vom 15. März 2010.

Zitat aus dem folgenden Vortrag, (auch) als Antwort auf das “Klagelied” in Frank Schirrmachers Buch: Payback:

In der neuen Ontologie des elektronischen Zeitalters ist die Ordnung der Dinge in den Hintergrund und die Ordnung der Zeichen in den Vordergrund gerückt. Wir würden gut daran tun, eine neue Erkenntnistheorie zu entwickeln, die berücksichtigt, dass wir von der alten platonischen Anmassung befreit sind, welche die Kritik allen Scheins und dessen Rückführung auf ein wahres Sein verlangt.

Kulturpessimismus

Die zunehmende Entwicklung des Denkvermögens wäre ohne Auslagerung repetitiver geistiger Fähigkeiten, von der schon die neuzeitlichen Konstrukteure der Rechenmaschinen geträumt haben, gar nicht möglich (gewesen). Serres spottet über die „neuen und alten Klageweiber“, die mit der Medienentwicklung den Verlust der Mündlichkeit, des Gedächtnisses oder der begrifflichen Fähigkeiten beklagt haben und auch heute wieder beklagen: Sokrates, der die Schrift verteufelt, Sorbonne-Gelehrte, die ihr Latein nicht aufgeben wollen, heutige Professoren, die das Internet als Kulturverlust empfinden (was es ironischer- weise ja auch ist).

Aus: Frank Hartmann: Wissensgesellschaft und Medien des Wissens [PDF]

Besuch bei Jürg Jegge und seiner Stiftung: märtplatz

6. März 2010

Im Rahmen des Berufspädagogik-Moduls der PH TG besuchten wir (ich und meine Studierenden) am Freitag, 5. März 2010 Jürg Jegge, Leiter der  Stiftung Märtplatz in Freienstein im Zürcher Unterland. Jürg Jegge (Lehrer, Buchautor und Liedermacher) wurde schweizweit bekannt, als er vor ca. 30 Jahren den Bestseller: “Dummheit ist lernbar“schrieb.

Die Stiftung Märtplatz wurde 1985 gegründet, eine Eingliederungsstätte für junge Menschen mit “Startschwierigkeiten”. Sie ist eine der erfolgreichsten Schweizer Institutionen, was die berufliche Eingliederung betrifft (vgl. auch Interview von Andrea Sailer).

Es ist kurz nach 11.00 Uhr morgens. Wir suchen das Büro der Stiftung märtplatz bzw. Jürg Jegge. Da die einzelnen Werkstätten auf dem alten Fabrikareal (eine ehemalige Spinnerei) ziemlich verstreut sind, ist es gar nicht so einfach, sich sofort zurecht zu finden. Endlich finden wir Jürg (Jürg Jegge bietet uns sofort das “Du” an) und über “verschlungene Pfade”: Treppe hinauf – durchs Fenster raus auf die Dachterrasse – Treppe runter – Eingang links, dann durch einen langen Gang – kommen wir im Aufenthalts- und Essraum an. Ein heller, von Sonnenlicht durchfluteter Raum.

Ess- und Aufenthaltsraum

Jürg Jegge:

Für mich sind dezentrale, unterschiedlich gestaltete, verwinkelte (Lern)Räume wichtig. Genauso  funktioniert auch Lernen bzw. müsste Lernen kultiviert werden. Möglichst wenig Vorgefertigtes (eben nicht Stapelbares), Vielfalt statt Einfalt, Umwege (sind auch Wege) statt (nur) Geradliniges, viele Freiräume, wo jeder und jede sich die Zeit nehmen kann, die er/sie braucht, für das Entwickeln der für mich wichtigsten 5 Fertigkeiten, nämlich:

  • sich einrichten
  • sich ausdrücken
  • sich zuerchtfinden
  • sich pflegen
  • sich wehren können.
Jürg Jegge stellt den märtplatz vor

Menu vom 5. März 2010

Bevor wir noch weiter ins Gespräch einsteigen, steht bereits das gemeinsame Mittagessen an. Gespräche bei gemeinsamen Essen und Trinken gehören hier ebenso zu einer gelebten Kultur (“nicht zu verwechseln mit Schulhauskultur”, betont Jegge), wie auch die vielen Zusatzangebote: Da gibt es Kurse zu unterschiedlichen Themen, es gibt Clubabende, Begegnungen mit interessanten Menschen, Konzerte, Kabarettprogramme usw., wo die Jugendlichen – neben der eigentlichen Berufsbildung – nutzen können.

Die Köche und Köchinnen (2 Auszubildende und 2 Lehrmeister plus weiteres Personal) vom Märtplatz verwöhnen uns mit einem wunderbaren Mittagessen. Nach dem Mittagessen führt uns Jürg Jegge dann durch die verschiedenen Werkstätten:

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, am Märtplatz einen Lehrabschluss zu machen, nämlich
a) als Anlehr- oder, wo es möglich ist, Attestlehrabschluss, b) nach einer nicht reglementierten Lehre wie die der JournalistInnen, c) nach Artikel 32 des Berufsbildungsgesetzes (BBG) ohne Besuch der regulären Berufsschule und d) nach Bestehen der reglementierten Berufslehre. Zur Zeit können zehn verschiedene Berufe in den Bereichen: Küche, Schneiderei, Foto-, Medien- und Theaterwerkstatt, Töpferei und Journalismus erlernt werden. Auch eine sogenannte Berufsfindungszeit ist möglich.

Theaterwerkstatt

Theaterwerkstatt

Hier stehen wir z.B. in der Theaterwerkstatt, wo KascheurInnen und TheaterplastikerInnen ausgebildet werden. KascheurInnen und TheaterplastikerInnen fertigen alle sichtbaren dreidimensionalen Objekte an. Dazu können Gebäudeteile wie Gesimse oder Säulen, Plastiken oder sogar überdimensionierte Hamburger gehören. Wichtige Arbeitsmaterialien sind Kunststoffe, aber auch natürliche wie Gips, Holz oder Ton. Diese Lehre dauert in der Regel vier Jahre.

Jürg Jegge:

Freiraum heisst auch: Individuelle, mit den betreffenden Menschen erarbeitete und auf sie zugeschnittene Konzepte für die Ausbildung zu erarbeiten. Wir schauen z.B. wie weit kann dieser Lehrling kommen? Welche zusätzlichen Qualifikationen könnte er oder sie sich noch erwerben? So machen z.B. unsere Fotofach-Angestellten noch einen EU-Abschluss als Fotograf in Wien.

Hier werden also Ausbildungsprogramme an die Menschen angepasst und nicht umgekehrt!

Jürg Jegge im Gespräch

Nach unserem Rundgang durch die Werkstätten treffen wir uns für eine weitere Diskussionsrunde wieder im Ess- und Aufenthaltsraum, wo wir uns über die ersten Märtplatz-Eindrücke und weitere pädagogische Herausforderungen unterhalten.

Zum Schluss stelle ich Jürg Jegge noch 2 Fragen:

1. Inwiefern ist das, was du vor 30 Jahren im Buch: “Dummheit ist lernbar” beschrieben hast, heute noch relevant?

2. Was würdest du Lehrern und Lehrerinnen mit auf ihren Berufsweg geben?

Die Antworten von Jürg Jegge hier im Originalton:

 

Oder mit anderen Worten:

Fortschritt ist nur möglich, wenn man intelligent gegen die Regeln verstößt.

Boleslaw Barlog (Deutscher Theaterregisseur 1906 – 1999)

Herzlichen Dank Jürg Jegge für diesen sehr eindrücklichen Tag.

Jürg Jegge signiert sein Buch: "Fit und fertig"

Jürg Jegge signiert sein neustes Buch: “Fit und fertig”

Weitere Literatur von Jürg Jegge:

http://www.zytglogge.ch/sachbuch/sachbuch12.html

Moodlemoot 2010, Berlin – mein Beitrag

5. Februar 2010

Moodle und der Adlerblick für das Unwesentliche

Mit Moodle und Social Software auf den Spuren des Dialogs

Im Umgang mit einer immer komplexer werdenden Welt, die durch das Internet und die damit zusammenhängende Vernetzung von Tag zu Tag noch dichter vernetzt wird, führt ein rein lineares, auf fixes, statisches Wissen beruhendes Denken früher oder später in die Sackgasse. Kompetenzen wie Umgang mit Netzwerken, Mustern, Chaos, Unordnung, Unschärfe, Ungewissheit, Unplanbarkeit werden je länger desto mehr gefragt sein.

Leider finden diese Veränderungen und die neuen Arten von Wissen, Lernen und Denken in den meisten Bildungseinrichtungen im Moment noch kaum Beachtung.

Zwar wird das, was sein könnte, in vielversprechenden Formeln wie „E-Learning“ und vielleicht noch in ein paar Web 2.0-Buzzwords verpackt. In der Praxis jedoch plustern sich nach wie vor nicht alle, aber viele Lehrende als disziplinierende PädagogInnen auf, egal ob mit oder ohne neuen Medien. Sie müssten eine neue Rolle als ManagerInnen in Prozessen lernen, die sie selbst aber meist noch gar nicht verstehen,

schreibt z.B. der Medienexperte Frank Hartmann (2008).

Dabei könnten alle diese Herausforderungen Anlass sein, beispielsweise mit den reformpädagogischen Bildungsidealen wie Mündigkeit, Kritikfähigkeit, Selbstbestimmungsfähigkeit, Solidarisierungs- und Dialogfähigkeit endlich Ernst zu machen. Die bisherige Funktion von Schule aufzuheben und somit erkenntniserweiternd im wahrsten Sinne zu wirken.

In diesem Workshop wollen wir anhand von Good-Practice-Beispielen (PH TG und eLearn.ch) erkunden, wie wir die neuen Medien (konkret also Moodle und Web 2.0-Tools) nutzen, unsere alten Denkmuster zu verlassen, um dann in einem weiteren Schritt Kreativität, laterales Denken (de Bono), forschendes, dialogisches und gestaltendes Lernen entwickeln zu können.

Freitag, 26.03.2010, 11:30-12:55, Track 1 | Hörsaal 0’307

Link: http://moodlemoot.moodle.de

Entschulung der Gesellschaft

23. Dezember 2009

Illich, Ivan – Entschulung der Gesellschaft

Elektrischer Reporter: Microblogging

1. Mai 2009

Einmal mehr scheint das Abendland in Gefahr, diesmal bedroht von 140 barbarischen Buchstaben. Das Auftauchen neuartiger Informations- und Kommunikations-Geschmacksrichtungen führt bei KulturpessimistInnen zwangsläufig zur Stimulation ihrer Beissreflexe. Ein Automatismus mit langer Tradition.

Mario Sixtus, der elektrische Reporter

Mit Twitter auf den Spuren des Dialogs

20. April 2009

Gedanken zu den Potenzialen von Microblogging im Sinne
des “generativen” Dialogs (nach David Bohm)

Bezugnehmend auf den Kommentar von Martin Lindner zum
Blogeintrag:  “Twitter-Tool für Schule & Unterricht:

Man schickt sich eben nicht “Botschaften” direkt, man “veröffentlicht” sie. Man stellt sie in die große Wolke über den Köpfen. Trivial-Haikus, sozusagen, oder auch Alltags-Mikro-News. Es bedeutet einen entscheidenden Schritt weg vom eigenen Ich.

… ist mir spontan wieder der Quantenphysiker David Bohm (1917 – 1992) und seine Arbeiten zum “generativen Dialog” (im Gegensatz zur Diskussion) in den Sinn gekommen. Sehr spannend fand ich, wie ich einiges von dem, was Bohm im Buch: “Das offene Gespräch am Ende der Diskussionen” beschreibt, mehr als 10 Jahre später in einer Twitter-Community (wenn auch nur ansatzweise) nachvollziehen konnte bzw. auch Potenziale sehe, diese Art Dialog auch in Online-Communities zu praktizieren.

Es lohnt sich also, das Thema “Twitter” auch aus der bohmschen Dialog-Perspektive zu reflektieren. Doch zuerst ein paar Gedanken  zu Bohms Dialog-Verständnis:

Diskussion: hat dieselbe Wurzel wie “Perkussion” und “Konkussion” (Gehirnerschütterung), lateinisch von discutere = zerschlagen, zerteilen, zerlegen

Dialog: (griechisch von Dia = durch, Logos = Wort) für Bohm die Bedeutung eines “freien Sinnflusses, der unter uns, durch uns hindurch und zwischen uns fliesst”. Es geht also beim Dialog eher um Partizipation, um Teilhaben, sich beteiligen, miteinander denken.

Der Dialog (vor allem auch innerhalb einer  Gruppe bzw. Community) ist wie eine Bühne zu betrachten, auf der kollektives Lernen stattfindet und wo ein Gefühl zunehmender Harmonie, Kollegialität und Kreativität entstehen kann.

Es geht also nicht um das Vertreten von Positionen oder das Verteidigen der eigenen Meinungen:  “Es steckt eine Menge Gewalttätigkeit in den Meinungen, die wir verteidigen.” (Bohm, 1998)

Dialog nach Bohm hat etwas erkundendes, etwas erforschendes. Für das Führen eines Dialogs sollen deshalb auch keine strengen Regeln festgelegt werden, denn die Essenz des Dialogs ist Lernen – nicht als Resultat der Aufnahme von Informationen oder Doktrinen, die von einer Autorität festgelegt wurden, und auch nicht als Mittel, eine bestimmte Theorie oder ein Programm zu prüfen und zu kritisieren, sondern als Teil eines fortwährenden Prozesses von kreativem Miteinander unter Gleichgesinnten.

Diese Art von Dialog hat gemäss Bohm zusätzlich noch den Vorteil, dass eine gewisse Entschleunigung in der Kommunikation stattfinden kann, die uns die Möglichkeit gibt, Reaktionen (z.B. Gefühle, Vorannahmen) in-der Schwebe-zu-halten und so auch unsere Denkbewegungen (wie komme ich zu diesem Denken und was sind die Konsequenzen?) zu reflektieren. Diese Eigenwahrnehmung des Denkens nennt man auch Propriozeption. Das Denken sollte also fähig sein, seine eigene Bewegung wahrzunehmen. Nach Bohm sieht sich das Denken (leider) nicht als eine Bewegung. Es sieht sich als die Wahrheit, als etwas, das einfach da ist und uns die “Realität” zeigt, so wie sie ist. Das ist bei den anderen körperlichen Bewegungen nicht so: Wenn ich z. B. den Arm bewege, bin ich mir bewusst, dass ich diese Bewegung initiiert habe und nicht irgend jemand anders. Dem Denken fehlt in der Regel dieses Bewusstsein, es ist also nicht proporiozeptiv, aber hätte – gemäss Bohm – Propriozeption bitter nötig, um z. B. die diversen z.T. komplexen (auch globalen)  Herausforderungen kreativer angehen zu können.

Windspiel-für-48-Stunden-Neukölln-von-JAC&MEYLENSTEIN-13

Quelle: www.flickr.com, Windspiel-für-48-Stunden-Neukölln-von-JAC&MEYLENSTEIN-13

Klangbeispiel: Quelle: http://www.toy-spectrum.de

 

Welche Grundhaltungen und Rahmenbedingungen sind nun in einem Dialog für Bohm hilfreich? Ich habe diejenigen bohmschen Maximen aufgelistet, wo ich Parallelen, Potenziale und Chancen sehe, den generativen Dialog gerade auch mit den Neuen Medien und mit Microblogging im besonderen zu praktizieren:

1. Die Grundhaltung ist die des Lernen-Wollens,

nicht die des Schon-Wissens.

2. Es braucht einen leeren Raum,

wo wir zulassen können, dass über alles geredet wird, wo es keine Autorität gibt, keine Hierarchie, keine feste Zielsetzung und keine Tagesordnung, also keine Vorschriften etwas tun zu müssen.

3. In-der-Schwebe-halten.

Es ist nicht so wichtig, ob man auf eine Aussage reagiert oder ihr zustimmt oder nicht. Sprechen (bzw. schreiben) ist natürlich wichtig, denn ohne Sprechen gäbe es im Dialog nichts zu erkunden, aber der eigentliche Prozess des Erkundens findet beim Zuhören – den andern und auch sich selber – statt.

Dieses In-der-Schwebe-halten (also nicht oder nicht sofort reagieren zu müssen) halte ich auch beim Twittern für einen wichtigen Aspekt. Es ist zudem mit einer 140-Zeichen-Begrenzung gar nicht möglich so zu argumentieren wie wir es uns in traditionellen Diskussionen (z.B. auch im Chat oder in Foren usw.) gewohnt sind.  Es ist (um auf das obige Bild einzugehen) eher wie bei einem Windspiel: Ein Einhängen, ein Einstellen von  Klangkörpern, wo sich evt. etwas Neues, ein Gesamtklang ergibt, falls die einzelnen Klangkörper mit andern in Berührung kommen. Es kann, muss aber nicht!

4. Partizipierendes Denken und das Unbegrenzte

Nach Bohm sind Begrenzungen relativ und dienen nur beschreibenden Zwecken. Es geht beim partizipierenden Denken um eine andere Art des Wahrnehmens, um das Gefühl, dass Grenzen nicht wirklich Trennungen sind. Zum Beispiel ist der individuelle Körper des Menschen wohl deutlich von anderen getrennt, wenn auch nicht gänzlich, da er mit Luft, Licht und Nahrung verschmilzt. Analog gilt das natürlich auch für unsere Gedanken, die auch ausserhalb unseres Körpers zirkulieren und mit anderen Ideen, Gedanken verschmelzen bzw. sich anreichern.

Eine weitere Bedeutung von partizipierendem Denken besteht darin, dass die Community eine Quelle ist, an der ich teilhabe und wo ich die Möglichkeit habe, einen Beitrag zu leisten, mich zu beteiligen. Bohm hebt auch hervor, dass man sich dazu nicht notwendigerweise persönlich kennen muss. Es geht eher darum, dass wir auf einer anderen Ebene eine Art Band schaffen, das er “unpersönliche Gemeinschaft” nennt.

5. Das eigene Denken beobachten (Propriezeption)

Bohm schreibt dazu:

Das Denken sollte fähig sein, seine eigene Bewegung wahrzunehmen, sich seiner eigenen Bewegung bewusst zu sein. Im Denkvorgang sollte es ein Bewusstsein dieser Bewegung geben, der Absicht zu denken und des Ergebnisses, das dieses Denken erzeugt. Wenn wir aufmerksamer werden, können wir dessen gewahr werden, wie das Denken ein Resultat ausserhalb unserer selbst erzeugt. Und dann wären wir vielleicht auch fähig, dem, was das Denken in uns selbst hervorruft, unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Vielleicht könnten wir sogar sofort bemerken, auf welche Weise das Denken die Wahrnehmung beeinflusst.

Microblogging ist asynchron und somit bietet es mir die Chance, mir genügend Zeit zu nehmen und zuzuhören, sowohl nach innen wie auch nach aussen. Es wäre sicher etwas allzu euphorisch zu sagen, dass wir mit Microblogging automatisch auf diese (propriozeptive) Reflexionsstufe kommen. Aber eine gute Uebungsanlage (für diejenigen, die das wollen) ist Microblogging allemal, nämlich das Innehalten und Beobachten zu üben und zu praktizieren, was im Face-to-Face-Kontext sicherlich eine noch grössere Herausforderung darstellt.

Schule

28. März 2009

Fritz B. Simon hat in seinem Blog: Simons systemische Kehrtwoche eine interessante Schuldebatte angerissen. Vor allem gefällt mir aus dieser Diskussion das folgende Zitat:

Ich denke, Schule sollte sich auf Bildung im traditionellen Sinne (auch und gerade als Persönlichkeitsbildung) zentrieren und alle sachliche Zweckbezogenheit über Bord werfen. Kein Mensch weiss heute, welches Wissen unsere Kinder in der Zukunft brauchen. Also sollten wir sie in die Lage versetzen, es dann zu generieren, wenn sie es brauchen, statt es jetzt zu “speichern”. Wir sollten Musse- und Reflexionsfähigkeit als Hauptfächer etablieren. Die Fähigkeiten, die man braucht, um sich kreativ sein eigenes Weltbild und seine eigene Welt zusammen zu bauen, müssten vermittelt werden…

Also: Mehr Kunsterziehung,  mehr Musik, Philosophie, Erkenntnistheorie etc. Und schmeißt das Datengehubere über Bord.

Leider kenne ich noch genug Lehrer, die Bildung mit Datenwissen u. Ä. gleich setzen. Die halte ich für nur beschränkt tauglich, oder überhaupt für ziemlich beschränkt…

Moodlemoot 2009, 18.03. – 20.03.2009, Universität Bamberg

25. Februar 2009

Die Konferenz richtet sich an Neulinge, Fortgeschrittene und erfahrene AnwenderInnen aus den Bereichen Hochschule, Schule und Unternehmen und möchte den Einsatz von Moodle aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln betrachten. Die diesjährige deutsche Moodle-Konferenz steht vor allem unter dem Motto “Austausch”. Alle Interessierten sind eingeladen, Kontakte zu knüpfen, Erfahrungen auszutauschen, Ideen zu diskutieren und neue Inspirationen für die Arbeit mit Moodle zu finden.

Als besonderes Highlight ist Martin Dougiamas, der Begründer von Moodle, ebenfalls in Bamberg vor Ort. Er wird die Hauptkonferenz am Donnerstag, 19. März, im Audimax des Gebäudes Feldkirchenstraße 21 eröffnen.

Die TeilnehmerInnen von Moodlemoot 2009 erwartet ein umfangreiches Programm mit über 80 Vorträgen zu allen Gebieten der Arbeit mit und um Moodle. Für besonders Interessierte werden bereits ab dem 17. März 2009 sieben Intensiv-Workshops angeboten, die sich weiterführend mit einzelnen Aspekten von Moodle auseinander setzen.

Quelle: e-teaching.org

Und hier die Inhalte meines Workshops vom Do, 19.03.2009, 11:45 Uhr, RZ 0.04

Elemente lösungsorientierter Online-Didaktik
mit Moodle und Web 2.0-Tools

Unterwegseinsichten aus systemisch-konstruktivistischer Sicht

Wie kann ein Online-Setting gestaltet werden, wenn man mit Heinz VON FOERSTER einig geht, dass sich Wissen nicht vermitteln lässt? Was gilt es als Lehrperson bzw. Online-Coach los- und wegzulassen und was bleibt zu gestalten, wenn “Wissen und Kompetenzen von einem Menschen selbst generiert werden, und es im wesentlichen darauf ankommt, die Umstände herzustellen, in denen diese Prozesse der Generierung und Kreation möglich werden”?

Wenn wir davon ausgehen, dass die TeilnehmerInnen am besten wissen, was und wie sie am besten lernen, dann geht es darum, sich als Lern- bzw. E-Coach in der Haltung des Nichtwissens zu üben. Übertragen auf die LehrerInnenrolle ist es sicherlich alleine mit dem Weglassen von Inputs nicht getan. Wesentlich anspruchsvoller ist die Frage, was wir stattdessen tun können, um den Teilnehmenden einen hilfreichen (Online-) Raum für handelndes Entdecken zu bieten.

Nach einer Idee von Peter Szabó und Katalin Hankovszky und adaptiert auf den Online-Kontext.
Aus dem Original:  Lösungsorientierte Didaktik

Zu diesem Workshop entsteht ein öffentlich zugänglicher Moodle-Kurs, der permanent aktualisiert wird.


Tagimagi-Artikel: Die Schule vom Kind her denken

22. Februar 2009

Der Artikel von Remo H. Largo und Martin Beglinger hat mich wieder einmal bestärkt in meiner Arbeit als Dozent für Berufspädagogik und als Trainer für Lerncoaching.

Hier für mich ein paar wichtige Zitate zu 6 der 7 Thesen von Largo und Beglinger:

1. Ohne Beziehung geht nichts

Beziehung ist für jedes Kind lebenswichtig. Sie ist nicht alles, doch ohne vertrauensvolle Beziehung kann sich ein Kind nicht entwickeln, weder in der Familie noch in der Schule. [...] Eine gute Lehrperson  [egal auf welcher Schulstufe] ist sich im Klaren darüber, dass sie in erster Linie Kinder [bzw. Jugendliche] unterrichtet und nicht nur Fächer. Wer dies als “Kuschelpädagogik” belächelt, die man sich in Krisenzeiten erst recht nicht leisten könne, denen sei gesagt, dass emotionale Geborgenheit die Grundlage zur Leistungsbereitschaft liefert – nicht nur bei Kindern. Welcher Erwachsene gibt schon sein Bestes bei einem Vorgesetzten, der ihn ignoriert oder mies behandelt? [...] So vieles, was wir in der Schule lernten, haben wir wieder vergessen. Doch an Lob und Kritik unserer LehrerInnen erinnern wir uns, als wäre es gestern gewesen und nicht dreissig oder mehr Jahre her. Das sollte kein Lehrer / keine Lehrerin vergessen, wenn er oder sie vor einer Klasse steht.

[...] Eine gute Beziehung verbessert nicht nur die Lernbereitschaft, sondern führt, wie eine Reihe von Studien bewiesen hat, letztlich auch zu besseren schulischen Leistungen.

2. Die Schule erzieht mit

Ein Kind verbringt allein während seiner obligatorischen Schuljahre 10 000 bis 12 000 Stunden in der Schule – oft ein Vielfaches der mit den Eltern (und insbesondere den Vätern) aktiv verbrachten Zeit. Deshalb ist es schlicht unmöglich, dass die erzieherische Verantwortung einzig bei der Familie liegen kann. Dabei geht es nicht nur darum, dass sich ein Kind so entwickelt, wie es die Lehrer gerne hätten, nämlich zu einem fleissigen, ordentlichen, anständigen und verhaltensmässig möglichst problemlosen Schüler. In der schulischen Gemeinschaft soll das Kind seine sozialen Kompetenzen entwickeln und sich ein solidarisches Verhalten aneignen. Denn nur wenn es dies im Klassenzimmer gelernt hat, wird es als Erwachsener auch in der Gesellschaft entsprechend handeln.

3. Die Vielfalt verlangt individuellen Unterricht

Eine kindgerechte Schule ist eine individualisierte Schule. Anders kann sie die immense Vielfalt innerhalb einer einzigen Schulklasse nicht auffangen. [...] Trotzdem sind nach wie vor Lehrpläne massgebend, die für alle Kinder Gültigkeit haben sollen – obwohl alle Fachleute wissen, dass dies ein Ding der Unmöglichkeit ist. Schlägt die Schule weiterhin jedes Kind über den gleichen Leisten, wird man die einen Kinder zwangsläufig unterfordern und andere überfordern. [...] Eine Lehrerin, die dem einzelnen Kind gerecht werden will, versteht sich vorab als Spezialistin für das Kind als lernendes Wesen und nicht in erster Linie als Deutsch- oder Mathelehrerin. Sie interessiert sich mindestens so sehr für Kinder und Jugendliche wie für ihr Fach.

4. Kompetenzraster statt Noten

Meint es eine Schule wirklich ernst mit dem individualisierten Unterricht, dann ist es nur konsequent, auch die bisherigen kollektiven Lehrpläne aufzuheben und sie durch individuelle Lehrpläne zu ersetzen. Dies wiederum würde logischerweise auch das Ende von Einheitsprüfungen und des konventionellen Notensystems bedeuten. [...] Die Forderung nach Abschaffung der Noten mag quer stehen zu den Ansprüchen der Leistungsgesellschaft,  obschon die Ungenauigkeit und Ungerechtigkeit bei der Notenvergabe seit Jahren wissenschaftlich belegt ist. Bemerkenswert ist allerdings, dass ausgerechnet die leistungsorientierte Wirtschaft immer öfter eigene Leistungstests durchführt, weil sie den Noten in den Schulzeugnissen misstraut. Der Lehrmeister will wissen, was eine Fünf in Deutsch oder Mathematik konkret heisst, weil “gut” nach seiner Erfahrung je nach Schule etwas anderes bedeutet.

5. Ganzheitliches Lernen statt Fachidiotie

Welche Befähigungen in zwanzig Jahren auf dem Arbeitsmarkt gefragt sein werden, das weiss kein Mensch. Diese Unsicherheit kann vernünftigerweise nur bedeuten, dass sich die Schule nicht an irgendwelchen sprunghaften Sonderinteressen von Gesellschaft und Wirtschaft, sondern konsequent an der Gesamtheit der kindlichen Fähigkeiten orientieren muss. Wir brauchen keine kleinen Fachidioten, sondern Kinder [Jugendliche], die ganzheitich gefördert werden. [...] Das oberste Ziel einer kindgerechten Ausbildung besteht nicht in einem Zeugnis mit lauter Sechsen in Wissen und Fertigkeiten, sondern in einem guten Selbstwertgefühl aller SchülerInnen, also auch jener, die weder in Deutsch noch Mathe glänzen. [...] Lernstoff, der nur den Fachlehrer, aber nicht die Kinder interessiert und der vor allem nichts zu ihrer langfristigen Entwicklung beiträgt, gehört nicht mehr in den Unterricht.

6. Wider den Förderwahn

Bei allem verständlichen Willen, dem Kind einen erfolgreichen Start ins Leben zu ermöglichen, kann eine Prise Demut kaum schaden. Denn das Kind gehört nicht der Gesellschaft, nicht der Schule und auch nicht den Eltern. Es gehört nur sich selbst. Es ist nicht auf die Welt gekommen, um die Erwartungen der Erwachsenen zu erfüllen, sondern um zu jenem Wesen zu werden, das in ihm angelegt ist. Dies zu ermöglichen liegt in der Verantwortung der Eltern und der Schule.

Der ganze Artikel kann hier gelesen werden.