Besuch bei Jürg Jegge und seiner Stiftung: märtplatz
6. März 2010Im Rahmen des Berufspädagogik-Moduls der PH TG besuchten wir (ich und meine Studierenden) am Freitag, 5. März 2010 Jürg Jegge, Leiter der Stiftung Märtplatz in Freienstein im Zürcher Unterland. Jürg Jegge (Lehrer, Buchautor und Liedermacher) wurde schweizweit bekannt, als er vor ca. 30 Jahren den Bestseller: “Dummheit ist lernbar“schrieb.
Die Stiftung Märtplatz wurde 1985 gegründet, eine Eingliederungsstätte für junge Menschen mit “Startschwierigkeiten”. Sie ist eine der erfolgreichsten Schweizer Institutionen, was die berufliche Eingliederung betrifft (vgl. auch Interview von Andrea Sailer).
Es ist kurz nach 11.00 Uhr morgens. Wir suchen das Büro der Stiftung märtplatz bzw. Jürg Jegge. Da die einzelnen Werkstätten auf dem alten Fabrikareal (eine ehemalige Spinnerei) ziemlich verstreut sind, ist es gar nicht so einfach, sich sofort zurecht zu finden. Endlich finden wir Jürg (Jürg Jegge bietet uns sofort das “Du” an) und über “verschlungene Pfade”: Treppe hinauf – durchs Fenster raus auf die Dachterrasse – Treppe runter – Eingang links, dann durch einen langen Gang – kommen wir im Aufenthalts- und Essraum an. Ein heller, von Sonnenlicht durchfluteter Raum.
Jürg Jegge:
Für mich sind dezentrale, unterschiedlich gestaltete, verwinkelte (Lern)Räume wichtig. Genauso funktioniert auch Lernen bzw. müsste Lernen kultiviert werden. Möglichst wenig Vorgefertigtes (eben nicht Stapelbares), Vielfalt statt Einfalt, Umwege (sind auch Wege) statt (nur) Geradliniges, viele Freiräume, wo jeder und jede sich die Zeit nehmen kann, die er/sie braucht, für das Entwickeln der für mich wichtigsten 5 Fertigkeiten, nämlich:
- sich einrichten
- sich ausdrücken
- sich zuerchtfinden
- sich pflegen
- sich wehren können.

Bevor wir noch weiter ins Gespräch einsteigen, steht bereits das gemeinsame Mittagessen an. Gespräche bei gemeinsamen Essen und Trinken gehören hier ebenso zu einer gelebten Kultur (“nicht zu verwechseln mit Schulhauskultur”, betont Jegge), wie auch die vielen Zusatzangebote: Da gibt es Kurse zu unterschiedlichen Themen, es gibt Clubabende, Begegnungen mit interessanten Menschen, Konzerte, Kabarettprogramme usw., wo die Jugendlichen – neben der eigentlichen Berufsbildung – nutzen können.
Die Köche und Köchinnen (2 Auszubildende und 2 Lehrmeister plus weiteres Personal) vom Märtplatz verwöhnen uns mit einem wunderbaren Mittagessen. Nach dem Mittagessen führt uns Jürg Jegge dann durch die verschiedenen Werkstätten:
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, am Märtplatz einen Lehrabschluss zu machen, nämlich
a) als Anlehr- oder, wo es möglich ist, Attestlehrabschluss, b) nach einer nicht reglementierten Lehre wie die der JournalistInnen, c) nach Artikel 32 des Berufsbildungsgesetzes (BBG) ohne Besuch der regulären Berufsschule und d) nach Bestehen der reglementierten Berufslehre. Zur Zeit können zehn verschiedene Berufe in den Bereichen: Küche, Schneiderei, Foto-, Medien- und Theaterwerkstatt, Töpferei und Journalismus erlernt werden. Auch eine sogenannte Berufsfindungszeit ist möglich.
Hier stehen wir z.B. in der Theaterwerkstatt, wo KascheurInnen und TheaterplastikerInnen ausgebildet werden. KascheurInnen und TheaterplastikerInnen fertigen alle sichtbaren dreidimensionalen Objekte an. Dazu können Gebäudeteile wie Gesimse oder Säulen, Plastiken oder sogar überdimensionierte Hamburger gehören. Wichtige Arbeitsmaterialien sind Kunststoffe, aber auch natürliche wie Gips, Holz oder Ton. Diese Lehre dauert in der Regel vier Jahre.
Jürg Jegge:
Freiraum heisst auch: Individuelle, mit den betreffenden Menschen erarbeitete und auf sie zugeschnittene Konzepte für die Ausbildung zu erarbeiten. Wir schauen z.B. wie weit kann dieser Lehrling kommen? Welche zusätzlichen Qualifikationen könnte er oder sie sich noch erwerben? So machen z.B. unsere Fotofach-Angestellten noch einen EU-Abschluss als Fotograf in Wien.
Hier werden also Ausbildungsprogramme an die Menschen angepasst und nicht umgekehrt!
Nach unserem Rundgang durch die Werkstätten treffen wir uns für eine weitere Diskussionsrunde wieder im Ess- und Aufenthaltsraum, wo wir uns über die ersten Märtplatz-Eindrücke und weitere pädagogische Herausforderungen unterhalten.
Zum Schluss stelle ich Jürg Jegge noch 2 Fragen:
1. Inwiefern ist das, was du vor 30 Jahren im Buch: “Dummheit ist lernbar” beschrieben hast, heute noch relevant?
2. Was würdest du Lehrern und Lehrerinnen mit auf ihren Berufsweg geben?
Die Antworten von Jürg Jegge hier im Originalton:
Oder mit anderen Worten:
Fortschritt ist nur möglich, wenn man intelligent gegen die Regeln verstößt.
Boleslaw Barlog (Deutscher Theaterregisseur 1906 – 1999)
Herzlichen Dank Jürg Jegge für diesen sehr eindrücklichen Tag.
Jürg Jegge signiert sein neustes Buch: “Fit und fertig”
Weitere Literatur von Jürg Jegge:









